Ist Untreue eine Frage der Persönlichkeit?

RedFlagFraud-Experten gehen seit einiger Zeit davon aus, dass anhand einer Häufung bestimmter persönlicher Merkmale und Eigenschaften die Betrugsneigung von Mitarbeitern abgeschätzt werden kann. Diese Warnsignale werden als “Red Flags” bezeichnet. Die Betrugsgefahr kann man demnach mit einer einfachen Formel herleiten: Je mehr an bestimmten Eigenschaften ein Mitarbeiter auf sich vereint, desto höher ist dessen statistisches Risiko, in betrügerische Handlungen verstrickt zu sein.

Eines der einflussreichsten und sehr empfehlenswerten Bücher zu diesem Thema ist   ”Essentials of Corporate Fraud” (auf englisch, ab 18,75 Euro), welches von der US-Expertin Tracy Coenen verfasst wurde. Ihrer Ansicht nach sind unter anderem ein Zusammentreffen mehrerer der folgenden Merkmale in Arbeitsverhalten, Einstellung und Lebensstil mögliche Anzeichen für eine erhöhte Betrugsneigung des Mitarbeiters:

Arbeitsverhalten
1. Widerstand gegen die Abgabe von eigenen Aufgaben an Kollegen, kurzfristig (z.B. während Urlaub) und langfristig (z.B. Job Rotation)

2. Lange Arbeitsstunden, vor allem auch mit Zeiten alleine ohne Kollegen am Arbeitsplatz, frühmorgen, spätabends oder am Wochenende (=ohne Beobachtung).

3. Bereits längere tendenziell unveränderte Tätigkeit im Unternehmen (zur genauen Kenntnisse der Abläufe und deren Lücken)

Persönliche Einstellung

4. Allgemeiner niedriger ethischer Standard, kein starkes Werteempfinden

5. Unzufriedenheit mit dem Job bezüglich hohem Selbstbild und nicht entsprechender Fremdwahrnehmung

7. Persönliche finanzielle Schwierigkeiten durch Lebensstil oberhalb der eigentlichen Möglichkeiten

8. Abhängigkeiten (Drogen, Spielsucht, Alkohol,…)

9. Instabilität der persönlichen Lebensumstände

Einen aktuellen Fall eines der Untreue verdächtigten Mitarbeiters berichtet die Augsburger Allgemeine. Bei dem dort geschilderten Verhalten des Mitarbeiters lassen sich gleich mehrere der oben beschriebenen “Red Flags” beobachten: Nach den Informationen der Zeitung arbeitet er bereits seit 13 Jahren in dem Unternehmen (3). Er soll sich in seinem Privatleben “großspurig (5) und spendabel (7)” verhalten haben. So soll er z.B. in einem Ulmer “Animierschuppen” einem ausschweifendem Lebensstil gefrönt und regelmäßig mehr als 5.000,- Euro ausgegeben haben (7). Er hatte zudem einem anderen Mann gerade dessen Frau ausgespannt, worauf dieser “sehr sauer” reagiert habe (9).

Für die anderen oben beschriebenen Merkmale lassen die Informationen der Augsburger Allgemeinen kein Urteil zu. Es würde aber nicht überraschen, wenn mehrere auch auf den Mitarbeiter zuträfen. Selbstverständlich lassen sich aus mehreren dieser Red Flags bei einem Mitarbeiter nicht mit Sicherheit dessen Hang zu Betrug und Untreue ableiten. Dennoch zeigen sie klare Risikomerkmale auf, für die Führungskräfte sensibilisiert und denen im Tagesgeschäft erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden kann. 

Klicken Sie hier für ein interessantes Interview (Podcast) mit Tracy Coenen über die oben beschriebenen Red Flags (auf englisch).

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