Führt mehr Kontrolle zu mehr Compliance?

Die Frage nach dem idealen Kontrollniveau im Unternehmen ist auf den ersten Blick einfach zu beantworten: So viel wie möglich, so lange dies mit einem vertretbarem finanziellen Aufwand realisierbar ist! Tatsächlich scheinen die Kontrollen in der Compliance-Organisation oft einer einfachen Faustformel zu folgen: ”Mehr Kontrolle führt zu mehr Compliance”.

Dass diese Gleichung nicht immer aufgehen muss, zeigen aktuelle Forschungsergebnisse der letzten Jahre. Demnach kann mehr Kontrolle genau zu dem Gegenteil der erwünschten Wirkung führen. Dieses in der Wissenschaft als “crowding out” bezeichnete Phänomen lässt sich an einem einfachen Beispiel deutlich machen:

“Crowding Out” von ehrlichem Verhalten

Denken Sie an die unterschiedlichen Verfahren, Kaffe im Büro zu verkaufen. Eine Möglichkeit ist es, eine Kaffeekasse aufzustellen und nach dem Vertrauensprinzip die Kaffee-Trinker zu bitten, den Betrag x für eine selbst entnommene Tasse zu entrichten. Eine andere Möglichkeit ist ein Kaffeeautomat, welcher nur gegen Bezahlung Kaffee ausgibt. Besteht eine ausreichende Ehrlichkeit der Mitarbeiter, werden beide Methoden zu dem gleichen Ziel einer Bezahlung führen - einmal ohne (Kaffeekasse) und einmal mit (Automat) Kontrolle.  Das gleiche gilt für Compliance-Maßnahmen: Diese können auf die Ehrlichkeit der Mitarbeiter vertrauen oder die Einhaltung der Regeln durch Kontrollen sicherstellen. 

Interessant wird das ganze jedoch für den Fall einer Fehlfunktion des Kaffeeautomatens. Gibt dieser versehentlich das eingezahlte Geld und den Kaffee zurück, wird sich jeder über den kostenlosen Kaffee freuen. Auf die Idee, diesen trotzdem noch zu bezahlen, kommt dagegen niemand. Der Automat hat versagt, die Folgen davon werden von den Mitarbeitern nicht mehr als die eigene Verantwortung angesehen. Bei einem Versagen der Kontrolle fallen die Mitarbeiter also nicht auf das Prinzip Ehrlichkeit zurück. Ganz im Gegenteil haben sie nun überhaupt keine Skrupel mehr, einen eigenen Vorteil zu realisieren. Auch dies kann wieder auf Compliance-Maßnahmen übertragen werden: Sind die Kontrollen unvollständig oder lückenhaft, werden Mitarbeiter diese Mängel ohne Skrupel ausnutzen. Vorher möglicherweise existierende innere Verpflichtungen bestehen in einem strikten Kontrollumfeld nicht weiter fort. Dieser Verlust an Ehrlichkeit bei Einführung von Kontrollen wird als “crowding out” bezeichnet.

Konsequenzen für Compliance-Maßnahmen

Für Compliance-Maßnahmen bedeutet dieses Argument, dass Unternehmen entweder ganz auf intrinsische Anreize (also die Motivation und Ehrlichkeit der Mitarbeiter) oder ganz auf extrinsische Anreize (Kontrollen) setzen sollten. Zwischenlösungen mit unvollständigen Kontrollen scheinen durch den “crowding out” Effekt weniger optimal zu sein. Da völlige Kontrolle schwierig und teuer ist, bieten sich Maßnahmen zur Festigung der intrinsischen Anreize (z.B. Schulungen) an. Deren Wirkung wird aber meist nur langfristig sein. Zudem wird ein Compliance-Management ohne Kontrollen für einigen Erklärungsbedarf sorgen. Das ”crowding out”-Argument könnte für derartige Erklärungen aber einen Ansatzpunkt darstellen.

Zu der oben genannten Argumentation gibt es eine Vielzahl von akademischen Veröffentlichungen. Sollten Sie daran interessiert sein, zögern Sie nicht Informationen dazu unter info@compliancer.de abzufragen.

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